DOKTOR-SCHMIDT-SEKTE
 
zurück


Eines der spannendesten Themen ist meiner Meinung nach die Doktor-Schmidt-Sekte. Es war nicht leicht, über diese religiöse Vereinigung Quellen zu finden, die über eine Zeile hinausgingen. In den Weiten des Internets fand ich nur die Bemerkung, die Anhänger dieser Sekte würden eine Hummel anbeten. Handfesteres Material bot indes ein Büchlein über Geißlersekten bzw. Büßersekten. Dazu gehören die genannten Waldenser und Hussiten, und vermutlich auch die Doktor-Schmidt-Sekte. Mittlerweile ist auch bei Wikipedia ein Artikel zu den Kryptoflagellanten, also die als eine Art Geheimbund fungierenden Sekten, ein kleiner Eintrag zu Conrad Schmid – oder Konrad Schmidt, die mittelalterliche Schreibweise ist uneinheitlich – zu finden.

 

Kaiserprophetien im
14. Jahrhundert

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verbreiteten sich in Deutschland die Kaiserprophetien. Dabei wurde vor allem in Kaiser Friedrich besondere Erwartungen gesetzt: Er würde bald wieder erscheinen, ein Strafgericht über das entartete Papsttum halten, Staat und Kirche reformieren, die Klöster auflösen, Mönche und Nonnen zur Arbeit zwingen sowie den Unterschied zwischen arm und reich beseitigen. So wurde der Sektenführer Konrad Schmidt um 1370 von seinen Anhängern auch als Kaiser Friedrich und König von Thüringen bezeichnet.

nach oben

Wer war Doktor Schmidt?
 

Über das Leben Schmidts wissen wir sehr wenig. Mit seiner Prophetica ist er zum ersten Mal fassbar. Die Sangerhausener Kryptoflagellanten von 1414 aber haben ihn als bereits seit langem nicht mehr unter den Lebenden weilenden ersten Vertreter ihrer Lehren in Thüringen in Erinnerung. Dass er verurteilt worden wäre, wird nirgends gesagt. Die Vermutung, Schmidt habe isch unter den zum Tode verurteilten Ketzern von 1369 inNordhausen befunden, bleibt fragwürdig, es ist durchaus möglich, dass er zu dieser Zeit eines natürlichen Todes gestorben ist.
Obwohl Schmidt in einigen Quellen als Magister und Doktor benannt wird, oder sogar andeuten, dass er Mönch war, scheint dies unwahrscheinlich. Weit eher ist anzunehmen, dass er ein „Mann aus dem Volke“ war, ähnlich den waldensischen Aposteln. Seine Prophetica lässt nämlich auf keine besondere Bildung schließen.


nach oben

Lehre
 

Seine Lehre ist wenig durchdacht, die Begründungen aus der Bibel vielfach zufällig und sind oft ungenau, obwohl sich Schmidt ausdrücklich auf die Heilige Schrift berief.
Ihm wurden übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben, er selbst hielt sich anscheinenend mehr als Prophet des neuen, wahren Glaubens und wurde vonseinen Anhängern auch in dieser Weise anerkannt und respektiert. Er war das neue Haupt der Christenheit. In dieer Hinsicht gibt es Parallelen zu anderen Sekten.
Nach einer ersten Welle der massenhaften Geißlerzüge bis 1349 ist die sogenannte „Prophetica Conradi Smedis“ die Hauptquelle für das Auftreten häretischer Flagellanten in Thüringen. Sie ist wahrscheinlich die Nachschrift einer Predigt des Leiters dieser Geißlergruppe Konrad Schmid und datiert wahrscheinlich auf 1368/1369.


Seine Lehre setzte sich aus vier Teilen zusammen:
1. die Verkündigung des unmittelbar bevorstehenden „Jüngsten Gerichts“
2. die Behauptung, dass gegenwärtig die Geißler den einzig wahren Glauben verträten
3. die scharfe Ablehnung des Klerus und des kirchlichen Heilsapparates
4. die Einbeziehung der Kaisersage in die häretische Ideologie.


nach oben

Kryptoflagellanten
 

Die Kryptoflagellanten lehnten es ab, in Kirchen zu beten, denn diese wären nur Räuberhöhlen. Die Grundlage der Lehre bildete die feste Überzeugung Schmidts und seiner Anhänger, dass 1369 das „Jüngste Gericht“ kommen werde. Im Unterschied zu den radikalen Geißlern von 1349, die eine Übergangsperiode von 17 Jahren annahmen, verkündete Schmid vier feste Termine: den 15. Juni, den 24. August, den13. Dezember 1369 oder den 24. Februar 1370. Viele Anhänger verkauften daraufhin ihren Besitz, hörten auf zu arbeiten und lebten in großer Armut.


nach oben

Pestepidemie
 

Es ging Schmidt darum, seinen Zuhörern und Anhängern bestimmte gesellschaftliche Erscheinungen als Vorboten der Endzeit zu erklären, wobei er an verschiedene im Volk verbreitet Anschauungen anknüpfte. So sollten dem Weltuntergang Katastrophen vorausgehen. Dazu passt die große Pestepidemie, die in den Jahren 68 und 69 erneut aufflammte. Auch astrologische Lehren scheint Schmidt rezipiert zu haben.

nach oben

Thüringer Kryptoflagellanten
 

Von Aktivitäten nach 69 ist nichts bekannt, erst um 1414 treten die Thüringer Kryptoflagellanten wieder ans Licht, als der Dominikaner Heinrich von Schönefeld mit der Inquistion gegen sie in den thüringischen Städten beauftragt worden war. Angesichts der überlieferten Verurteilungen und Ketzerverbrennungen zeigt sich, dass die Häresie zu der Zeit in dieser Gegend eine große Basis gehabt haben muss.
Jetzt, nachdem die Termine des angekündigten Weltunterganges viermal verstrichen waren, orientiert sich die Lehre nicht mehr auf die Verkündigung eines konkreten Termins für das „Jüngste Gericht“. Nunmehr rückt mehr die Ansicht in den Vordergrund, dass mit dem Beginn der Geißlerbewegung vor sechzig Jahren Gott der Kirche alle Gewalt und Aufsicht über das Volk in geistlichen Dingen abgenommen und damit zugleich dem gesamten kirchlichen Heilsapparat seine Wirkung genommen hätte. Nur wer sich den Geißlern anschloss, konnte beim „Jüngesten Gericht“ bestehen. Die Kleriker wurden als der Antichrist gesehen, weil diese die Geißler verfolgten.

nach oben

„Tret herzu wer büßen will ...“
 

Fakt ist jedenfalls, dass die Anhänger der Doktor-Schmidt-Sekte noch bis 1493 in der Gegend des südlichen Harz unterwegs waren. Bereits unter Botho, dem Vater Heinrichs des Älteren, sind Ketzer gefangen genommen und auf dem Markt verbrannt worden. In den Akten findet sich die Erwähnung, dass Heinrich d. Ä. sich die Reliquien der Ketzer bringen ließ. Um was es sich handelte, darüber schweigen die Quellen. Auch wenn der Biograf des Stolberger Grafenhauses Mülverstestedt dieses in seinen Augen eines gottesfürchtigen Grafen unwürdige Verhalten zutiefst bedauert, muss man sagen, dass es selbstverständlich war, Gefangenen ihren Besitz abzunehmen. Somit war Heinrich war schlicht ein Kind seiner Zeit.
Auch die Ketzerverbrennung 1493 ist überliefert, diesmal unter Bothos Sohn Heinrichs dem Älteren eigener Verantwortung. Allerdings fand die Verbrennung im Oktober statt, aus dramaturgischen Gründen habe ich sie in den Sommer verlegt. Überliefert ist, dass tausend Anhänger zur Messezeit gefangen genommen wurden, Männer, Frauen und Kinder. Einige entkamen, andere starben bereits im Gefängnis, der Rest endete auf dem Scheiterhaufen.
Es gibt Inquisitionsprotokolle, die die Argumentation der Anhänger der Büßersekten zeigt und wie die Inquisition damit umgeht, ich vermochte beiden Parteien nicht in Gänze zu folgen.
Tatsächlich ist bei Ketzerprozessen die Anwesenheit eines Inquisitors nötig. Die Inquisitionsprozesse, sei es gegen Ketzer oder Hexen, sind die Vorläufer unserer heutigen Prozesse mit Staatsanwalt und Verteidigung. Auch wenn Gesetzesgrundlage und vor allem die Intention aller Beteiligten eine andere war.
Das Lied „Tret herzu wer büßen will ...“ ist ein überliefertes Lied, das während der Geißlerzüge gesungen wurde.

nach oben


Startseite | Kontakt